Parisiemmes Femmes Capitales

Do, 07.11.13, 20 Uhr

Street Art zwischen Revolte, Repression und Kommerzialität

Präsentation & Diskussion am 07.11. ab 20.00h im Stadtteilzentrum DESI (Brückenstrasse 23).

Danach: Bar DJing mit Spezial-K

Street Art zwischen Revolte, Repression und Kommerzialität am Beispiel der Pariser Künstlerin Miss.Tic und des Hamburger Sprayers OZ

Street Art ist aus dem öffentlichen Erscheinungsbild der Städte nicht mehr wegzudenken. Mitte der 70er Jahre war New York die Stadt, in der Graffitis auf U-Bahnen und Häuserwänden unübersehbar präsent waren. Jean Baudrillard schrieb damals in seinem Buch „Kool Killer oder der Aufstand durch Zeichen“, dass Graffiti einen neuen Typus der Intervention in die Stadt darstellten und dass gerade die Inhaltslosigkeit und das Fehlen einer Botschaft, also diese Leere die Kraft ausmachten.
KP Flügel zeichnet die Ursprünge der Graffiti- und Street Art nach und stellt die Frage, ob die bisherige Definition von Street Art,  der zufolge das Illegale einen Bestandteil darstelle, heute überhaupt noch  gültig ist? Denn Street Art ist längst ein wichtiger Bestandteil des Kunstmarktes und wird von Werbeagenturen gezielt eingesetzt, um Werbebotschaften an junge und sich hip fühlende Zielgruppen zu kommunizieren.
Von Anfang an hat Miss.Tic  auch in Galerien ausgestellt :  „Ich lasse mich nicht auf der Straße einsperren…“
Die Pariser Künstlerin Miss.Tic hat von Beginn an sowohl auf der Straße gearbeitet als auch in Galerien ausgestellt. Nach ihrem Prozess im Jahr 2000 wegen Sachbeschädigung privaten Eigentums hat sie sich eindeutig dafür entschieden, nicht mehr illegal zu arbeiten. Auftragsarbeiten für öffentliche Auftraggeber und Unternehmen lehnt sie nicht ab. Denn auch sie muss ihren Lebensunterhalt verdienen.  Für sie ist bei allem wichtig, dass ihr inhaltlich keine Vorschriften gemacht werden. Und das Inhaltliche ist ein weiterer Aspekt, denn Miss.Tic  verfremdet zumeist Frauenbilder aus Frauenzeitschriften und entwirft aus ihnen ein bestimmtes Frauenimage. Allerdings nicht, um es zu bewerben, sondern um es zu befragen….
Der Hamburger Sprayer OZ: Vom Schmierfink zum anerkannten Künstler?
Farbige oder schwarze Smileys, Tags wie USP oder DSF und immer wieder seine Signatur OZ: Im gesamten Hamburger Stadtraum sind diese Zeichen auf grauen Bunker- und Tunnelwänden oder auf den Rückseiten von Verkehrsschildern präsent. Seit 30 Jahren ist er unterwegs, um seine Zeichen zu setzen. Insgesamt 8 Jahre musste  der heute 63-jährige OZ im Gefängnis wegen Sachbeschädigung verbringen. Seit zwei Jahren ist ein Wandel bei Teilen der Justiz und Medien bei der Beurteilung des Schaffens von OZ festzustellen. Das Hamburger Landgericht  hob in seinem Urteil  im Jahr 2012 hervor, dass es gelte, die Kunstfreiheit des Sprayers gegen die Eigentumsfreiheit der Geschädigten abzuwägen.  Es schloss ausdrücklich nicht aus, dass einige der OZ-Werke durchaus als Kunst betrachten werden könnten.  Als OZ im Frühjahr in der Hamburger OZM Galerie neue Werke ausstellte, titelte die Hamburger Morgenpost:  „Vom Schmierfink zum Künstler.“
Street Art bestreitet natürlich das Vorrecht der Werbeindustrie auf den städtischen Raum und reklamiert ein Recht auf Stadt für alle. Zugleich gelten die Viertel von Städten wie Hamburg oder Berlin mit besonders vielen Graffiti als die sogenannten In- bzw. gentrifizierten Quartiere, so dass z.B. Schorsch Kamerun von den „Goldenen Zitronen“ sich wieder die weiße Wand zurück wünscht, da er heute an das Rebellische eben so wenig glauben könne wie an die subversive Aussage eine Punk-Irokesenhaarschnitts….. Daher ist zu fragen, ob ein Graffiti-Overkill bzw. Ausverkauf bevorsteht?
KP Flügel ist Mit-Herausgeber de Bücher „Bomb it, Miss.Tic!“ (Edition Nautilus) und „Free OZ!“ (Verlag Assoziation A) und  ist journalistisch aktiv für die „neopostdadasurrealpunkshow“ auf Radio FSK, Hamburg, ColoRadio Dresden und mitunter auf Radio Helsinki, Graz, sowie für diverse alternative Zeitungen und Zeitschriften wie z.B. „dérive“ und „Der Wahrschauer“.